RAW Video bezeichnet Videomaterial, das mit minimaler oder keiner Kompression direkt vom Kamerasensor gespeichert wird. Ähnlich wie ein RAW-Foto in der Fotografie enthält RAW Video den maximalen Informationsgehalt des Sensors – insbesondere in Bezug auf Dynamikumfang, Farbtiefe und Detailauflösung.
Warum RAW Video der Goldstandard ist
Komprimierte Videoformate wie H.264 oder H.265 treffen während der Aufnahme irreversible Entscheidungen: Welche Bildinformationen werden behalten, welche verworfen? RAW Video trifft diese Entscheidungen nicht – es bewahrt alles. Das bedeutet:
- Maximaler Dynamikumfang: 12–16+ Blendenstufen statt 8–10 bei komprimierten Formaten
- Volle Farbtiefe: 10-bit, 12-bit oder 16-bit statt 8-bit
- Color-Grading-Spielraum: Farben und Belichtung können in der Postproduktion drastisch angepasst werden, ohne Qualitätsverlust
- Korrektur von Belichtungsfehlern: Über- oder unterbelichtete Bereiche lassen sich oft noch retten
RAW-Formate im Überblick
Blackmagic RAW (BRAW)
Das RAW-Format von Blackmagic Design. Intelligent komprimiert, deutlich kleinere Dateien als unkomprimiertes RAW bei fast identischer Qualität. Verfügbar in den Blackmagic Pocket Cinema Cameras.
ProRes RAW
Apples RAW-Lösung, unterstützt von Nikon, Atomos und anderen Herstellern. Bietet RAW-Flexibilität in einem ProRes-ähnlichen Workflow. Nativ in Final Cut Pro unterstützt.
CinemaDNG
Ein offenes, unkomprimiertes RAW-Format. Maximale Qualität, aber enorme Dateigrößen. Jeder Frame wird als einzelne DNG-Datei gespeichert.
ARRI RAW / RED RAW (R3D)
Proprietäre RAW-Formate der High-End-Kinokameras. ARRIRAW und REDCODE RAW sind der Standard in Hollywood-Produktionen.
RAW vs. Log vs. Standard
| Merkmal | Standard (Rec.709) | Log (S-Log, C-Log) | RAW |
|---|---|---|---|
| Kompression | Hoch | Hoch bis mittel | Minimal |
| Dynamikumfang | 8–10 Blendenstufen | 12–14 Blendenstufen | 12–16+ Blendenstufen |
| Farbtiefe | 8-bit | 8-bit oder 10-bit | 10–16-bit |
| Dateigröße | Klein | Klein bis mittel | Groß |
| Grading-Spielraum | Gering | Gut | Maximal |
| Bearbeitungsaufwand | Minimal | Mittel | Hoch |
Log-Profile sind oft der beste Kompromiss: Sie bieten deutlich mehr Dynamikumfang als Standard-Profile bei kompakteren Dateigrößen als RAW. Für viele Produktionen – auch für professionelle Imagefilme – ist Log ausreichend.
Der RAW-Workflow
1. Aufnahme
RAW-fähige Kamera mit schnellen Speichermedien (CFexpress, SSD). Die Kamera-Einstellungen betreffen nur die Vorschau – Weißabgleich, ISO und andere Parameter werden erst in der Post festgelegt.
2. Datensicherung
Angesichts der enormen Datenmengen ist ein solides Backup-Konzept unverzichtbar: Mindestens zwei Kopien auf verschiedenen Laufwerken.
3. Postproduktion
RAW-Material wird in spezialisierter Software entwickelt: DaVinci Resolve (BRAW, CinemaDNG), Final Cut Pro (ProRes RAW), Adobe Premiere Pro (verschiedene). Color Grading und Filmschnitt profitieren enorm von der RAW-Flexibilität.
4. Export
Das fertige Video wird in einem Auslieferungs-Codec (H.264, H.265, ProRes) exportiert – RAW ist ein Produktions-, kein Distributionsformat.
Wann lohnt sich RAW?
RAW Video lohnt sich, wenn das Budget und der Workflow es zulassen und die Postproduktion intensives Color Grading erfordert. Für schnellen Content und Social Media ist es Overkill – für Kino, High-End-Werbung und anspruchsvolle Corporate Videos ist es der Goldstandard.